Walther L. Bernecker

Der "Cepalismo": Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie


 


Sicherlich besitzt die Erhellung des Entstehungszusammenhangs einer Theorie wissenschaftshistorisch beträchtlichen Wert für ihre angemessene kritische Einschätzung. Dies gilt in besonderem Maße für die in Lateinamerika nach 1945 entstandenen Theorien, die stets mehr und etwas anderes waren als nur "Theorien von Theoretikern für Theoretiker". An erster Stelle sind hier die Dependenztheorien und - zeitlich und logisch vorgeschaltet - die Doktrin der 1948 gegründeten UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Comisión Económica Para América Latina, CEPAL), der sogenannte Cepalismo, zu nennen.

Der Entstehungskontext des Cepalismo, der in mancherlei Hinsicht als Vorläuferin der Dependenztheorien betrachtet werden kann, läßt ihn als eine lateinamerikanische Lehre erscheinen, zu deren Verständnis die Kenntnis der wirtschaftlich prekären Situation des Subkontinents in den 40er Jahren erforderlich ist. Die folgenden Ausführungen betten daher die entwicklungstheoretischen Konzepte, die in Lateinamerika nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden, in ihre historischen Entstehungszusammenhänge ein.

Zum Entstehungszusammenhang der CEPAL

Anlaß für die CEPAL-Gründung war die schwierige wirtschaftliche Lage Lateinamerikas nach dem Zweiten Weltkrieg: In den 30er Jahren und während des Weltkriegs hatten die USA - unter dem politischen Dach der Good Neighbor Policy - eine Handelsoffensive gegenüber Lateinamerika gestartet, die darauf abzielte, Deutschland und Japan vom lateinamerikanischen Markt fernzuhalten. Der Zweite Weltkrieg wurde damit indirekt auch zu einer Auseinandersetzung zwischen den faschistischen Mächten und den Vereinigten Staaten um die Hegemonie in Lateinamerika. Nach Kriegsbeginn sollte die Export-Import-Bank mit ihren Mitteln den lateinamerikanischen Handel stabilisieren und die US-Kontrolle über die Rohstoffe der Region sicherstellen. Dabei wurde in Washington nicht primär an eine industrielle Entwicklung Lateinamerikas gedacht; im Gegenteil: Der Subkontinent sollte ein exklusiver Markt für US-Güter werden. Im Laufe des Krieges wurde dann diese Beschränkung der US-Politik von lateinamerikanischer Seite immer häufiger kritisiert. Gegen Kriegsende nahmen die Konflikte zwischen Nord und Süd in Amerika weiter zu: Während die USA immer stärker auf Freihandel und privates Unternehmertum drängten, setzten sich die Lateinamerikaner vehement für Wirtschaftshilfen aus dem Norden, für Protektionismus und Beibehaltung staatlicher Unternehmen ein(1). Und nach dem Krieg kündigten die Vereinigten Staaten ihre Verträge zur Lieferung von Erzen und anderen strategischen Stoffen auf. Der lateinamerikanische Import aus den USA blieb zwar noch einige Zeit mit Hilfe der Kriegsdollars bestehen, der Export in die USA brach allerdings zusammen und bescherte den lateinamerikanischen Staaten bald Handelsbilanzdefizite. Die Finanzhilfe an Lateinamerika wurde weitgehend eingestellt, 1946-1950 betrug sie nur noch 2 % der gesamten US-Auslandshilfe(2). Praktisch endeten für ein Jahrzehnt die US-Investitionen in Lateinamerika, sowohl die staatlichen als auch (von einigen Ausnahmen wie Mexiko und Venezuela abgesehen) die privaten. Sieht man von der kommunistischen Welt ab, dann war Lateinamerika die einzige Region, die in den Nachkriegsjahren in kein US-Hilfsprogramm einbezogen wurde.

Zum Verständnis der späteren CEPAL-Strategie gehören auch die unterschiedlichen Vorstellungen in Lateinamerika bzw. den USA über die wirtschaftliche Zukunft des Subkontinents. Während des Krieges hatte das Wachstum der Industrieproduktion eine Zunahme an Staatsplanung und Interventionismus bewirkt. In der Krise der 30er Jahre schien die liberale Weltwirtschaft ohnehin zusammengebrochen zu sein, und die erste Hälfte der 40er Jahre hatte zentralisierte Kriegswirtschaften erlebt. Nichts lag den lateinamerikanischen Politikern daher näher als der Glaube, eine geplante staatliche Industrialisierungspolitik führe zu Fortschritt und größerer staatlicher Macht.

Unter derartigen wirtschaftspolitischen Prämissen kam es gegen Kriegsende überall in Lateinamerika zu einer weit gefächerten Diskussion über die Rolle, die die Region in der neuen, von den USA beherrschten Weltordnung spielen würde. Parallel zu dieser lateinamerikanischen Entwicklungsdebatte fanden zahlreiche Gespräche über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika statt. 1948 wurde in La Habana die Einrichtung einer Internationalen Handelsorganisation beschlossen, der auch die lateinamerikanischen Staaten angehören sollten. Die Lateinamerikaner sahen in der Charta von Havanna eine Legitimation ihrer Ansprüche, zum "Norden" zu gehören. Der US-Kongreß ratifizierte allerdings das Gesetz über die Internationale Handelsorganisation nicht; der Fehlschlag der La Habana-Bemühungen wurde von den Lateinamerikanern als Zurückweisung durch die USA und als Einordnung in eine niedrigere Kategorie interpretiert. Diese enttäuschte Deutung sollte große Auswirkungen auf die Herausbildung einer regionalen Wirtschaftsdoktrin haben(3).

Der "Cepalismo": Theorie und Entwicklungsstrategie

Als die nationalen Entwicklungsdebatten und die internationalen Handelsbemühungen an diesem für die Lateinamerikaner enttäuschenden Punkt angelangt waren, wurde 1948 die CEPAL gegründet. Strukturalistische Wirtschaftswissenschaftler und technokratische Modernisierer, die von der Vision eines Zusammenhangs zwischen Demokratie und wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung bei sozialen Verbesserungen und wirtschaftlichem Aufschwung beseelt waren, entwickelten eine Reformstrategie, die einerseits die importsubstituierende Industrialisierung der 30er und 40er Jahre vertiefen und beschleunigen sollte, andererseits strukturelle Veränderungen im Innern der lateinamerikanischen Volkswirtschaften wie Agrarreform, Diversifizierung der Produktionsstruktur, Exportförderung, vor allem Ausweitung des Marktes vornehmen wollte. Das Konzept(4) sollte durch eine Dreierallianz realisiert werden: Einheimische Unternehmer (die vielzitierte "nationale Bourgeoisie"), denen man hinter einer protektionistischen Zollmauer angemessene Profitraten in Aussicht stellte, schlossen sich mit der organisierten Arbeiterschaft, der Beschäftigung und steigende Löhne versprochen wurde, unter der Führung eines interventionistischen Staates zusammen, der wiederum die erforderlichen Marktbedingungen und die notwendige Infrastruktur schuf; erforderlichenfalls würde er auch selbst in die Industrie investieren, wenn die Privatinitiative nicht ausreichte. Explizit zurückgewiesen wurde das alte, aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammende Modell eines Wachstums auf der Grundlage des Exports von Primärgütern (desarrollo hacia afuera - "Wachstum nach außen").

Dies war eine Art sozialdemokratisches Konzept, demzufolge die organisierte Arbeiterschaft und die Linke insgesamt in ein demokratisches System eingebunden sein würden. Und unabhängig von allen fortbestehenden Problemen im Arbeits- und Sozialbereich würde es über das Modell der "importsubstituierenden Industrialisierung" eine Art Klassenkompromiß geben, der eine kontinuierliche Entwicklung gewährleisten sollte.

Derartige Vorstellungen wurden in den USA mit äußerster Skepsis aufgenommen, setzten die Vereinigten Staaten sich doch gerade in dieser Phase vehement für eine liberale Wirtschaftsordnung auf der Grundlage freien Güter- und Kapitalverkehrs ein. Protektionismus, Staatsinterventionismus und gesteuerte Industrialisierung paßten überhaupt nicht in dieses Konzept. Es bestand somit eine Grundantinomie zwischen dem reformistischen, binnenorientierten importsubstituierenden Industrialisierungsmodell einerseits und der liberalen, von den USA bestimmten Weltwirtschaftsordnung andererseits.

Hinzu kam, daß die CEPAL unter ihrem langjährigen (1949-1962) Exekutivsekretär Raúl Prebisch eine Kritik der klassisch-liberalen Außenhandelstheorie und ihres Grundkonzepts der komparativen Vorteile vornahm.(5) Unter Zugrundelegung des Zentrum-Peripherie-Modells stellte Prebisch die These auf, der Handelsaustausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verlaufe ungleich mit dem Ergebnis, daß vor allem die Länder des Zentrums davon profitierten. Ausschlaggebend dafür seien die terms of trade, die Austauschbeziehungen, die sich über längere historische Zeiträume hinweg zu Ungunsten der Peripherie entwickelt hätten. Prebisch entwickelte geradezu eine Theorie der "säkularen Verschlechterung der terms of trade", derzufolge die Preise der exportierten tropischen Rohstoffe langfristig fallen, während gleichzeitig die Preise für den Import industrieller Fertiggüter steigen, so daß sich die realen Austauschverhältnisse für die Entwicklungsländer ständig verschlechterten.

Unabhängig davon, daß Prebischs Theorie in der von ihm beanspruchten Allgemeingültigkeit nicht haltbar ist, hat sie die Entwicklungspolitik in hohem Maße beeinflußt und die Forderung untermauert, den Industrialisierungsprozeß in Entwicklungsländern auf der Grundlage der Importsubstitution voranzutreiben. Prebisch und die CEPAL waren ja als Begründer der Theorie der "peripheren Wirtschaft" zugleich maßgeblich am Entwurf von Entwicklungsstrategien für Lateinamerika beteiligt. Der Cepalismo ist somit Theorie und wirtschaftliches Entwicklungskonzept zugleich; letzteres geht von der Notwendigkeit des Wachstums mit (dirigistisch herbeigeführtem) Strukturwandel aus. Um nämlich den notwendigen Industrialisierungsprozeß in Lateinamerika anzukurbeln, müsse der Staat im Entwicklungsprozeß eine bestimmende Rolle spielen und eine Protektionspolitik mit dem Ziel der Importsubstitution betreiben(6).

Derartige Vorstellungen wurden zum Zeitpunkt der CEPAL-Gründung als wichtiger Beitrag zur Herausbildung einer regionalen Handels- und Industrialisierungsdoktrin gedeutet. Später sind diese mit der CEPAL in Verbindung gebrachten Vorstellungen in den größeren Zusammenhang von Entwicklungskonzepten für spät industrialisierende Länder, von Strukturalismus und Dependenztheorie gebracht worden(7). Bis vor kurzem galten die CEPAL-Überlegungen als autochthone Kritik an der orthodoxen Handelstheorie, die aus den Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise hervorgegangen war. Neuerdings hat E. V. K. FitzGerald die ursprüngliche CEPAL-Doktrin in ihren Entstehungskontext eingeordnet und herausgearbeitet, daß der institutionelle Zusammenhang der CEPAL-Konstituierung als Reaktion auf das fehlgeschlagene lateinamerikanische Ansinnen verstanden werden kann, sich von der "Peripherie" in das "Zentrum" der Weltwirtschaft zu bewegen. Außerdem hatten die Hauptthesen von CEPAL (ungleicher Tausch, Zentrum-Peripherie etc.) eine lange intellektuelle Vorgeschichte(8). "Locating early CEPAL thought in the appropriate intellectual and practical context can only emphasize the significance of economic doctrine at this crucial moment in modern Latin American history."(9) Obwohl neuerdings die frühen CEPAL-Theorien eher als Teil einer umfassenden Nachkriegsdebatte über die damals entstehende Weltordnung denn als verspätete Reaktion auf die Depression der 30er Jahre verstanden werden, behauptete Prebisch stets, daß die Grundannahmen des Cepalismo auf ihn selbst zurückgingen und mit den Erfahrungen des erzwungenen Ausscherens Lateinamerikas aus der Weltwirtschaft in den Zwischenkriegsjahren zu tun hatten. Diese Interpretation ist später auch auf die Ursprünge der lateinamerikanischen Dependenztheorien insgesamt ausgedehnt worden.

Die erste Publikation der soeben gegründeten CEPAL war der Economic Survey of Latin America, der eine strukturalistische Interpretation der Entwicklung der wichtigsten lateinamerikanischen Wirtschaften seit 1937 lieferte, sich aber noch relativ unkritisch mit dem Außenhandel auseinandersetzte(10). Die eigentliche Debatte begann kurz danach mit der Veröffentlichung von Raúl Prebischs Untersuchung The Economic Development of Latin America and its Principal Problems(11), in der schon die wichtigsten Aspekte des "Zentrum-Peripherie-Modells" dargelegt wurden. Fernando Henrique Cardoso hat später darauf hingewiesen, daß es bei Prebisch nicht um eine Widerlegung Ricardos, sondern um den Nachweis ging, daß die von Ricardo postulierten gegenseitigen Handelsvorteile wegen des im "Norden" praktizierten Protektionismus ungleich verteilt waren(12). Auf Prebischs Publikationen von 1949 folgte ein internationaler Sturm der Entrüstung, der wiederum zu einer erheblichen Veränderung der CEPAL-Positionen hinsichtlich des Handels führte: "The center-periphery model was drastically changed. The radical Ricardian critique of terms of trade deterioration as a reflection of world power was replaced by an interpretation based on the difference between the income elasticity of demand for imports of raw materials and that for manufactures."(13)

Obwohl neoklassische Wirtschaftswissenschaftler auch diese modifizierte CEPAL-Interpretation der historischen Trends der Austauschbeziehungen als empirisch und theoretisch unhaltbar ablehnten, blieb die UN-Organisation bei dieser gemäßigten Deutung, die schnell zu einem Teil des Regierungsdiskurses in der Region wurde.(14) (Dem "Zentrum" wurde nunmehr nicht mehr direkt Ausbeutung der "Peripherie" über das Medium des ungleichen Tausches vorgeworfen.)

Prebisch, der noch weitgehend in der Tradition der klassischen Ökonomie ausgebildet worden war, hatte sich unter dem Einfluß von J. M. Keynes von ihr abgewandt. Obwohl er für Lateinamerika im wesentlichen eine Entwicklung nach "westlichem" Vorbild anstrebte und den Faktor Produktivität als nahezu ausschließlichen Maßstab für Entwicklung überhaupt betrachtete, lassen sich in seiner Ursachenerklärung für die Unterentwicklung Lateinamerikas kritische Elemente gegenüber Industrieländern ausmachen.(15) Zum einen hob er die nachteilige Wirkung hervor, die das Zusammentreffen ungleicher Wirtschaften hatte. Zum anderen wies er im Zentrum-Peripherie-Modell ansatzweise auf die abhängige Entwicklung der Peripherie hin, indem er aufzeigte, daß das Wachstum peripherer Ökonomien in großem Ausmaß von der Entwicklung im Zentrum bestimmt war, welche sich als Nachfrage nach Primärprodukten übermittelte.(16) Hier sollten später die Dependenztheorien ansetzen. Diesen ist darüber hinaus mit der CEPAL eine gewisse nationalistische Haltung wie regionale Solidarität gemein, die im wesentlichen daraus resultierten, daß die Probleme Lateinamerikas vor allem als exogen bedingt aufgefaßt wurden, was eine Art gemeinsamer Frontstellung gegen die Erste Welt ergab.(17)

Auch die in den 50er und 60er Jahren angewandte Entwicklungsstrategie des Desarrollismo hat viele Elemente des CEPAL-Konzepts übernommen, etwa Industrialisierung oder Technologietransfer. Während aber die Industrialisierungsstrategie der CEPAL bei den Importsubstitutionsmöglichkeiten ansetzte, hat beim Desarrollismo der Staat keine Vorgaben seitens der Theoretiker bekommen.(18) In der Praxis hatte der Staat bei der "ökonomischen Modernisierungsstrategie" (D. Benecke) des Desarrollismo allerdings eine initiierende und tragende Rolle, da ein spontaner Entwicklungsprozeß auf breiter Basis nicht zustandekam. Dabei nahmen die desarrollistas billigend in Kauf, daß die Entwicklung ungleichgewichtig war und notfalls mit ausländischen Investitionen erreicht wurde. Längere Zeit beherrschte der Desarrollismo-Ansatz das Denken der Wirtschaftspolitiker in verschiedenen Ländern Lateinamerikas (Brasilien, Venezuela, Bolivien). An diesen Grundaspekten des Desarrollismo - ökonomistische Ausrichtung, Industrialisierung mit ausländischer Finanzierung, ungleichgewichtige Entwicklung - setzte die Kritik der Dependenztheoretiker an, die vor allem die Weltmarktöffnung als außenorientierte Wachstumsstrategie und das Fehlen sozialer Komponenten anprangerten.(19)

Zum Entstehungszusammenhang der Dependenztheorien

Nicht zufällig rückte seit Mitte der 60er Jahre "Dependenz" als neues Paradigma ins analytische Blickfeld von Intellektuellen in Lateinamerika. Es hatte sich gezeigt, daß die vorhergehenden Ansätze (Cepalismo und Desarrollismo) in die Krise geraten waren. Die "Industrialisierung durch Importsubstitution" hatte viele ihrer selbstgesteckten Ziele nicht erreicht: So war es nicht zu einer Verringerung der Einkommensunterschiede gekommen. Ein großer Teil der lateinamerikanischen Bevölkerung war weiterhin marginalisiert. Die wirtschaftliche Außenabhängigkeit hatte sich nicht verringert, sondern nur verlagert, und die politischen Systeme waren nach wie vor instabil. Für lateinamerikanische Politiker enttäuschend, wurde die Entwicklungsdynamik immer noch durch äußere Faktoren bestimmt: Die Einfuhr von Fertigwaren war zwar begrenzt worden; aber nun folgten aus den Industriestaaten umso mehr teure Kapitalgüter. Was dabei besonders störend auffiel, war die Tatsache, daß Multinationale Konzerne immer häufiger Investitionen in Schlüsselindustrien und technologisch hochentwickelte Branchen tätigten. Diesen (meist US-amerikanischen) Konzernen mußten die lateinamerikanischen Regierungen weitreichende Zugeständnisse machen, was als Souveränitätseinbuße empfunden wurde. Mit anderen Worten: Die bis dahin dominierenden Modernisierungstheorien, die in ihrer Desarrollismo-Ausprägung nach dem Zweiten Weltkrieg das Ziel verfolgten, dem lateinamerikanischen Subkontinent die kapitalistische Entwicklung als die bessere Alternative zu präsentieren, waren, ebenso wie die bis dahin propagierten Rezepte der CEPAL, wegen offensichtlicher Fehlschläge diskreditiert. Gleichzeitig inspirierte die erfolgreiche kubanische Revolution die Intellektuellen Lateinamerikas zur Reflexion über Alternativen zu konventionellen Entwicklungswegen. Der Übergang zu rechtsgerichteten Militärdiktaturen ( v. a. Brasilien 1964-85; Uruguay 1973-85; Chile 1973-89) verstärkte weiter die Bereitschaft lateinamerikanischer Intellektueller, radikale sozioökonomische Entwicklungskonzepte als gangbare Alternativen ins Auge zu fassen.

Dependenztheorien entstanden als ein Versuch, das Versagen bisheriger Entwicklungsstrategien zu erklären und einen eigenen Erklärungsansatz für die Unterentwicklung in Folge von Abhängigkeit zu liefern(20). Durch kritische Überprüfung der Rahmenbedingungen der bisherigen Entwicklungsstrategien sollten die Grundlagen für das Entwicklungsziel, die Deckung der Grundbedürfnisse der unterprivilegierten Bevölkerungsmehrheit, geschaffen werden. Eine kleine Gruppe von Ökonomen und Soziologen rund um die CEPAL-Zentrale in Santiago de Chile, wo sich eine Art lateinamerikanischer Mini-'brain trust' aufbaute, machte sich an diese Aufgabe. Aus der Revision früherer Entwicklungsvorstellungen ging sodann die Dependenz-Debatte hervor. CEPAL, universitäre Zentren und einige Planungsbüros lateinamerikanischer Staaten sorgten für einen lawinenartigen Verstärkereffekt der wichtigsten Thesen. Diese fanden in popularisierter Form Eingang in die Publizistik, Schulbücher, den Religionsunterricht und die Kunst(21). Für die rasche Durchsetzung des Dependenzparadigmas in der lateinamerikanischen Öffentlichkeit dürfte auch das in der literarischen Tradition Iberoamerikas jahrhundertealte Motiv der Abhängigkeit von außen von Bedeutung gewesen sein(22). Auch an den US-amerikanischen und europäischen Universitäten erlebten die Dependenztheorien in der damals politisierten Atmosphäre rasch einen bis in die 80er Jahre anhaltenden Boom.

Auch wenn Robert A. Packenham die geistige Urheberschaft der "Dependenz-Bewegung" dem US-Amerikaner André Gunder Frank zuschreibt, war der Abhängigkeits-Gedanke doch etwas genuin Lateinamerikanisches(23). Wie Cardoso festgestellt hat, bedurfte es keiner neuer Methoden, um "Dependenz-Situationen" zu analysieren(24). Einer der geistigen Ursprünge war die erwähnte Diskussion innerhalb der CEPAL. Von dieser wurden die These vom Primat der Weltwirtschaft, d. h. die Behauptung, daß die Dynamik der lateinamerikanischen Gesellschaften von ihrer Stellung im internationalen Wirtschaftssystem abhing, die Denkfigur der Aufteilung der Welt in Zentren und Peripherien sowie die Annahme übernommen, daß wegen der Verschlechterung der terms of trade seit den 30er Jahren zu ungunsten Lateinamerikas eine fundamentale Änderung der Entwicklungskonzepte notwendig war. Neben dem CEPAL-Diskussionszusammenhang bestand eine weitere intellektuelle Wurzel der Dependenz-Theorie in der verstärkten Rezeption des Marxismus, der in den Intellektuellenkreisen Lateinamerikas seit den 20er Jahren Fuß gefaßt hatte und nun der Analyse der Situation ehemaliger Kolonien durch die Studien von Paul Sweezy und Paul Baran über den ungleichen Tausch und die informelle Kontrolle der Dritten Welt zusätzlichen Schwung gab(25). Die Dependenztheorien entstanden somit aus verschiedenen Bausteinen: aus der Prebisch-These als Angriff auf die klassische Außenhandelstheorie, aus dem Strukturalismus der CEPAL und der marxistischen Deutung des Verhältnisses von Nord und Süd.

Wichtig für die Bewertung des Dependenzansatzes ist weiter, daß es sich hierbei nicht um eine einheitliche "Schule" handelte, sondern um eine heterogene "Bewegung" von Autoren, die unterschiedliche Gegenstände (etwa die "außenorientierte" Entwicklungsphase des 19. Jahrhunderts oder die Rolle Multinationaler Konzerne im 20. Jahrhundert) untersuchten und - zusätzlich zu den genannten Einflüssen - von verschiedenen geistigen Strömungen geprägt waren. Ihre Vertreter hatten deshalb meist nicht den Anspruch einer völlig kohärenten Theorie. Sie wiesen immer wieder darauf hin, daß sie mit ihren Analysen bezweckten, konkrete "Situationen" zu untersuchen, in denen strukturelle Veränderungen (etwa der Übergang vom Kolonialstatus zur Unabhängigkeit) eingetreten waren(26).

Ein Versuch, die dependentistas aufgrund unterschiedlicher theoretischer Grundannahmen zu klassieren, wurde von Manfred Wöhlcke und Peter von Wogau unternommen, die zwischen einer "nationalistischen" und einer "marxistischen" Richtung unterschieden(27). Wohl kann man bei einzelnen Autoren wie André Gunder Frank, Ruy Mauro Marini und Luis Vitale marxistische Terminologie und Elemente, besonders die Analyse der weltweiten Kapitaldynamik und die Ausbildung von Klassen sowie die Frage finden, ob der Industriekapitalismus "abgewartet" werden müsse, bis eine soziale Revolution ausgelöst werden könne. Aber diese Punkte werden manchmal auch explizit oder implizit von nichtmarxistischen dependentistas vertreten. Wöhlcke/von Wogau schränken deshalb die Brauchbarkeit dieser Einteilung gleich selber wieder ein. Am deutlichsten unterschieden sich die beiden Richtungen in bezug auf Überwindungsstrategien. Eine ähnliche Einteilung wie Wöhlcke/von Wogau macht Philip J. O'Brien, der zwischen einer "strukturalistischen", in der Tradition der CEPAL stehenden, und einer "marxistischen" Perspektive unterscheidet(28). O'Brien ortet noch eine dritte Gruppe, der Cardoso, Aníbal Quijano, Octávio Ianni und Florestan Fernandes angehören, die marxistische und strukturalistische Elemente verbinden. Eine dritte Möglichkeit, "Variationen von Dependenz und Dependenzansätzen" zu untergliedern, stammt von Packenham(29). In seiner Typologie des Dependenzschrifttums gibt es zwei Hauptgruppen, die "orthodoxen" (auch holistischen) und die "unorthodoxen" Autoren. Charakteristisch für den "orthodoxen" Ansatz ist das Werk von André Gunder Frank, kennzeichnend für die "unorthodoxe" Perspektive Cardoso. Der "orthodoxe" Ansatz zeichnet sich durch utopisches Wunschdenken, einen hohen Politisierungsgrad und fehlenden Falsifizierungswillen aus, während bei der "unorthodoxen" Perspektive diese Elemente lediglich in abgeschwächter Form auftreten.

Gemeinsam ist den dependentistas die These, daß die lateinamerikanischen Entwicklungsdefizite auf eine jahrhundertealte, die nationale Souveränität deformierende Fremdeinwirkung, von den Spaniern über die Engländer bis zu den USA, zurückzuführen ist. Die Fehlentwicklung wird als fremdgesteuert und historisch- strukturell bedingt empfunden; Abhängigkeit ist die logische Konsequenz der ungleichen Handels- und Kapitalbeziehungen. Jede Etappe der wirtschaftlichen Entwicklung Lateinamerikas wird als Resultat der Interaktion zwischen äußeren wirtschaftlichen Strukturen und inneren Bedingungen verstanden.

1. 1 Zu diesen Zusammenhängen vgl. David Rock (Hg.): Latin America in the 1940s. War and Postwar Transitions. Berkeley 1994; Leslie Bethell/Ian Roxborough (eds.): Latin America Between the Second World War and the Cold War, 1944-1948. Cambridge 1992.

2. 2 J. Lloyd Mecham: The United States and Inter-American Security, 1889-1960. Austin 1961, S. 352.

3. 3 E.V.K. FitzGerald: ECLA and the Formation of Latin American Economic Doctrine. In: Rock (Anm. 1), S. 89-108.

4. 4 Leslie Bethell/Ian Roxborough: Conclusion: The Postwar Conjuncture in Latin America and its Consequences. In: dies. (Anm. 1), S. 327-334.

5. 5 Eine gute Einführung in die "politische Ökonomie" Prebischs und die verschiedenen CEPAL-Positionen bis Ende der 70er Jahre gibt Adolfo Gurrieri (Hg.): La obra de Prebisch en la CEPAL. 2 Bde., México 1982.

6. 6 Nikolaus Werz: Das neuere politische und sozialwissenschaftliche Denken in Lateinamerika. Freiburg 1991, S. 161-167.

7. 7 Vgl. hierzu H. W. Arndt: The Origins of Structuralism. in: World Development 13, 2, 1985, S. 151-159; José Hodara: Prebisch y la CEPAL: Sustancia, trayectoria, y contexto institucional. México 1987; Cristóbal Kay: Latin American Theories of Development and Underdevelopment. London 1989; Joseph L. Love: The Origins of Dependency Analysis. In: Journal of Latin American Studies 22, 1, 1990, S. 143-168; Octavio Rodríguez: La teoría del subdesarrollo de la CEPAL. México 1980; Raúl Prebisch: Five Stages in My Thinking on Development. In: Gerald M. Meier/Dudley Seers (Hg.): Pioneers in Development. New York 1984, S. 175-191.

8. 8 Die Vorstellung, daß Primärgüter (Mineralien ebenso wie Agrarprodukte) im Vergleich zu Manufakturwaren zu schlecht bezahlt wurden, ging bis in die Kolonialzeit zurück. Auch das Konzept des "ungleichen Tausches", demzufolge der Norden den Preis bestimmte und seine Produkte höher einstufte als die des Südens, läßt sich bis auf Ricardo und John Stuart Mill zurückverfolgen. Dieses Konzept wurde im Europa der 1920er und 1930er Jahre ausführlich diskutiert. Der deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Sombart wandte es erstmalig, unter Hinzufügung des Zentrum-Peripherie-Modells, 1928 auf die europäische Geschichte an. (Vgl. Werner Sombart: Der Moderne Capitalismus. München/Leipzig 1928) Er beschrieb ein dominierendes Zentrum - Großbritannien mit Unterstützung durch die USA -, das von einer ausgebeuteten und beherrschten Peripherie, nämlich den Ländern Zentral-, Ost- und Südeuropas, umgeben war. Aus dieser Vorstellung ergab sich die Notwendigkeit forcierter und staatlich gelenkter Industrialisierung. 1946 wurde Sombarts Werk auf Spanisch in Mexiko publiziert. Es ist davon auszugehen, daß Raúl Prebisch die Debatten über das Zentrum-Peripherie-Modell kannte.

9. 9 E.V.K. FitzGerald: ECLA and the Formation of Latin American Economic Doctrine. In: Rock (Anm. 1), S. 89-108, Zit. S. 90.

10. 10 United Nations, Economic Commission for Latin America: Economic Survey of Latin America, 1948. New York 1949.

11. 11 Raúl Prebisch: The Economic Development of Latin America and its Principal Problems. New York 1949. Dt.: Die ökonomische Entwicklung Lateinamerikas und ihre Hauptprobleme. In: J.L. Schmidt/K.H. Domdey (Hg.): Für eine bessere Zukunft der Entwicklungsländer. Berlin (Ost) 1968, S. 7-70.

12. 12 Fernando Henrique Cardoso: The Originality of the Copy: CEPAL and the Idea of Development. In: CEPAL Review 4, 1977, S. 7-40.

13. 13 FitzGerald (Anm. 8), S. 100.

14. 14 Die wichtigsten entwicklungstheoretischen und -politischen CEPAL-Positionen sind wiedergegeben in: CEPAL, América Latina: El Pensamiento de la CEPAL. Santiago 1969.

15. 15 Zusammenfassend zur CEPAL-Doktrin als "origineller Beitrag zur entwicklungspolitischen Debatte in Lateinamerika" vgl. Manfred Wilhelmy von Wolff: CEPAL und die entwicklungspolitische Debatte in Lateinamerika. In: Inge Buisson/Manfred Mols (Hg.): Entwicklungsstrategien in Lateinamerika in Vergangenheit und Gegenwart. Paderborn 1983, S. 217-225.

16. 16 Vgl. hierzu Osvaldo Sunkel: The Development of Development Theory. In: José Villamil (Hg.): Transnational Capitalism and National Development. Highlands N.J. 1979, S. 19-31.

17. 17 Vgl. Wolfgang König: Zum Verhältnis von Theorie, Strategie und Praxis der wirtschaftlichen Entwicklung Lateinamerikas. In: Buisson/Mols (Anm. 14), S. 207-215.

18. 18 Über die 'Geschlossenheit' des Desarrollismo-Konzepts herrschen in der Forschung unterschiedliche Meinungen. Der Terminus Desarrollismo ist vor allem von Kritikern dieses Entwicklungskonzepts verwendet worden; greifbar-konkret wird er kaum einmal definiert. Vgl. hierzu und zu folgendem Dieter W. Benecke: Desarrollismo - ein überlegtes Konzept? In: Buisson/Mols (Anm. 14), S. 197-206.

19. 19 Vgl. J. Matos Mar (Hg.): La crisis del desarrollismo y la nueva dependencia. Buenos Aires 1969. Zur Kritik am Desarrollismo-Konzept vgl. auch Benecke (Anm. 17).

20. 20 Philip J. O'Brien: Zur Kritik lateinamerikanischer Dependencia-Theorien. In: Hans-Jürgen Puhle (Hg.): Lateinamerika - Historische Realität und Dependencia-Theorien. Hamburg 1977, S. 38.

21. 21 Der Diffusionsprozeß wird am gründlichsten im Entmystifizierungsversuch von Robert A. Packenham beschrieben. (Robert A. Packenham: The Dependency Movement. Scholarship and Politics in Development Studies. Cambridge (Mass.) 1992, v. a. S. 186-267).

22. 22 Naomi Lindström: Dependency and Anatomy: The Evolution of Concepts in the Study of Latin American Literature. In: Ibero-Amerikanisches Archiv Bd. 17, H. 2/3, 1991, S. 109-144.

23. 23 Zu Packenhams (nicht ganz überzeugender) Beweisführung vgl. Packenham, The Dependency Movement, S. 19-24.

24. 24 Fernando H. Cardoso, The Consumption of the Dependency Theory in the United States. In: Latin American Research Review Bd. 12, H. 3, 1977, S. 9f.

25. 25 Paul Baran: The Political Economy of Growth. New York 1957. Dt. Politische Ökonomie des wirtschaftlichen Wachstums. Neuwied 1966; Paul M. Sweezy u. a. : Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Frankfurt a. M. 1978. Die Begrifflichkeit des Marxismus, die einen Großteil der Dependenz-Studien prägte, sollte allerdings nicht über die Unterschiede zu rein marxistischen Analysen hinwegtäuschen.

26. 26 Packenham, The Dependency Movement, S. 56-66.

27. 27 Manfred Wöhlcke/Peter von Wogau: Einführende Darstellung. In: Dies./Waltraud Martens: Die neuere entwicklungstheoretische Diskussion. Einführende Darstellung und ausgewählte Bibliographie. Frankfurt a. M. 1977, S. 14.

28. 28 O'Brien, Zur Kritik, S. 38f.

29. 29 Packenham, The Dependency Movement, S. 33-130.